Wohin ist nur die Zeit verschwunden? Erst Sonntag sind wir nach London gefahren, standen auf dem Bahnhof in Köln, mit dem obligatorischen Frühstück auf dem Bahnsteig vor Städtereisen, saßen dann schon im Zug nach Brüssel und starrten aus dem Fenster, bevor wir uns den mitgebrachten Netbooks widmeten. In diesem Moment war ich mir noch nicht bewusst, dass die Zeit an mir vorbei fliegen würde, so dass ich sie vergessen habe, über dem pdf-Dokument, im Zug nach Belgien. In Belgien hatten wir mehr Zeit als genug, weil wir den Eurostar erst zwei Stunden später gebucht hatten. Also haben wir unsere Koffer in ein Schließfach gesteckt und sind über den Markt vor dem Gare Midi gelaufen, durch die guckende und kaufende Menge, vorbei an zu bunten Klamotten aus Kunstfasern für zehn Euro, an rohem Fleisch und Bergen von Gemüse. Die Zeit flog hinter uns her, während wir im Eurostar durch den Tunnel sausten und ich wieder lesend vergaß, dass die Zeit existiert. In London holte sie uns ein, und wir drängelten uns gemeinsam mit den Londonern und den Touristen durch Soho und Covent Garden an diesem sanften Sonntagabend, an dem alles so leicht und schwebend schien – bis, ja bis wir in der Pizzeria saßen und mir kalt wurde. Mein Hals schmerzte auf dem Weg zurück ins Hotel und jeder, der mir entgegenkam blockte mich wie ein nervendes Hindernis.
Dann stand die Zeit still in dieser Nacht, in der ich nicht schlafen konnte, in der dunkle Wolken von Begriffen in meinem Kopf steckten, Probleme, die ich nicht verstand und deren Sinn vor mir schwand in Richtung eines Horizontes, den ich nie einholen würde. In den klaren Momenten fragte ich mich, ob ich den Rest dieser Kurzreise im Bett verbringen würde und versuchte gleichzeitig, nicht über Konsequenzen nachzudenken, die mich nur noch mehr aufwühlen.
Irgendwann war die Nacht vorbei, und ab da war die Zeit immer vorne weg. Sie lief ohne sich umzublicken, während ich den Morgen im Bett verbrachte und versuchte mich gesund zu schlafen. Am Nachmittag schlich ich wie eine alte Frau über die knallige und laute Oxford Street, und flüchtete zurück zum Hotel und in die ruhige Weite des Hyde Park, wo ich in der schwachen Nachmittagssonne auf einer Bank saß und Kaffee trank. Hier schien die Zeit ein wenig zu verweilen, sie war mit mir, als ich zur Orangerie des Kensington Palace spazierte und die sorgfältig abgerundeten Buxbaumhecken fotografierte, um die gediegene Unaufgeregtheit eines englischen Nachmittags festzuhalten. Die Zeit hielt Schritt im versunkenen Garten, wo sich die sprühenden Tropfen der Fontänen im aufblitzenden Licht der Sonne brachen und der Herbst die Blumenbeete eroberte. Am See verabschiedete sich der Sommer in Form der letzten aufgeklappten Liegestühlen, deren gestreifte Sitze vom Wind zu Bogen geblasen wurden.
Als wenn sie über Nacht neuen Treibstoff getankt hätte, flog die Zeit am Tag darauf und entfernte sich immer weiter von mir. Sie tanzte vor uns her in Camden, wo wir sie schnell zwischen Taschen aus Kunstleder, schwarzer Gothik-Spitze und quitschigem Harajuku-Kitsch verloren haben. Als wir im Spitalfield Market nur noch beobachten konnten, wie die Händler die Waren mit beiden Händen von den Stangen schoben und in große Taschen verstauten, zeigte mir die Zeit den erhobenen Zeigefinger und begann sich zu drehen, schneller und schneller. Der Wirbel riss mich durch die verheißungsvolle Abgewracktheit der Bricklane und schleuderte mich zu Seven Dials, wo die Zeit entgültig in den sternförmig angelegten, von Schaufenstern gesäumten und mit Menschen verstopften Straßen verschwand.
Am nächsten Tag schnippte sie mit den Fingern und zauberte uns zurück auf den Bahnhof in Brüssel, wo ich mir die Augen rieb und mich fragte, ob ich wirklich schon fortgewesen bin.
teildesganzen - 24. Sep, 15:18
Gestern saßen wir bei wunderbarem Wetter auf einer sehr schönen Terasse mit Blick auf die waldreiche Umgebung und haben mit einer netten und altersgemischten Gruppe gegrillt. So ab 0 Uhr kamen dann plötzlich politische und gesellschaftspolitische Themen auf den Tisch, also zu einer Zeit und mit einem Alkoholpegel, wo man das vielleicht doch lieber unterlassen sollte. Und so kam dann auch der Ausspruch, auf den man eigentlich in einem solchen Zusammenhang immer wetten kann: die Jugend von heute bringts nicht. Wenn man mal an die 68er denkt, was die noch alles geleistet haben...
Gestern konnte ich nur einwerfen, dass die 68er die letzte Generation war, die nicht mit dem Fernsehen sozialisiert wurden, aber heute mittag, bei Licht betrachtet, wird mir auf einmal die ganze Ungerechtigkeit der o.g. Phrase deutlich. Ich möchte die soap- und castingsüchtigen Internetsurfer unter 20 nicht in Schutz nehmen, aber muss sich die Jugend von heute wirklich mit den 68er vergleichen lassen?
Genaugenommen waren die 68er doch genauso eine Spassgesellschaft wie die heutige Jugend und darüber hinaus lag die Effizienz der 68er allein in der Entwicklung neuer sozialer und individueller Lebensformen, also genau das, was die 00er auch für sich suchen. Die 68er trafen sich unter sehr allgemeinen Schlagworten wie "Frieden" zu Happenings und Demos, aber mir kann niemand erzählen, dass der Großteil von den Teilnehmern mit dem Ziel dorthin gegangen ist, seine politischen Ansichten zu diskutieren - sie wollten Leute kennenlernen, sie wollten dazugehöhren, und sie dachten, dass auf Demos in sexueller Hinsicht die Luzie abgeht.
Und diese politischen Schlagworte, die oberflächlich solche Veranstaltungen klassifizierten, waren nicht nur so allgemein, dass sie fast schon als leer gelten konnten, sie waren auch völlig unreflektiert und schon fast wieder gefährlich. So wurden dort politische Systeme als Alternativen propagiert, die sich im nachhinein als brutale Ditkaturen herausgestellt haben, deren Verschleiß an politischen Gegnern den Nazis nur wenig nachstanden. Ich glaube, in diesem Moment ist mir eine Jugend lieber, die sich nicht für Politik interessiert, als eine Jugend, die ohne zu überlegen einen Schlächter wie Ho Chi Minh glorifiziert.
Was war also so politisch an diese Generation? Jemand wie Rudi Dutschke, der sein Horkheimer-Adorno-Vokalbular genussvoll zelebriert hat, und seitenlange Phrasen von sich gegengeben hat, die niemand verstanden hat und die ihre Bedeutung wahrscheinlich unterwegs irgendwann mal verloren haben? Die 68er waren genauso vom Personenkult geprägt wie die Generation vor ihnen (Gott bewahre) und die Generationen nach ihnen. Personenkult ist nie gut, ob es sich nun um Rudi Dutschke und Andreas Baader handelt oder um Paris Hilton und Dieter Bohlen.
Wenn man böse ist, kann man auch lapidar feststellen, dass die einzige politische Wirkung, die die 68er hatte, über die RAF vermittelt war, und darin bestand, dass Gesetze verschärft wurden und Personenrechte eingeschränkt wurden. Und wenn wir gerade bei der RAF sind, kann niemand ernsthaft behaupten, dass dies eine Option für die heute Jugend ist, sich politisch zu betätigen, wobei nicht vergessen werden sollte, dass die RAF auch ihre (vielleicht anfangs mal irgendwann in der Person von Meinhof bestehenden) politischen Ziele gerne und umgehend zugunsten ihres eigenen Personenkults und um ihres eigenen Fortbestandes willens völlig vergessen haben und sinnentleert munter drauflos geballert haben.
Schließlich kann man sich auch fragen, wer denn die 68er, dieses ominöse Schlagwort, überhaupt kreeiert und glorifiziert hat, und da fällt mir spontan die Bildzeitung ein.
Schließlich, womit kann man die "Jugend von heute" überhaupt vergleichen? Eine echte Jugend gab es doch erst im 20. Jahrhundert. Vorher haben die Kinder auf den Höfen ihrer Eltern gearbeitet oder nach der industriellen Revolution in den Fabriken gearbeitet, wenn sie 10 Jahre alt waren. Also, wo sind die Vorbilder für die 00er, die in dieser Zeit entstanden sind? Die Hitlerjugend? Ganz toll. Also bleiben eigentlich nur die völlig überbewerteten, ineffizienten und spassorientierten 68er und wenn das die einzige moralische Bastion ist, gegenüber der sich die 00er verteidigen müssen, dann kann das keine große Herausforderung bedeuten.
teildesganzen - 2. Aug, 12:40
Grundsätzlich war es mir egal, ob dieses Treffen sich materialisiert oder nicht. Das Abitur ist 20 Jahre vorbei, das ist ein halbes Leben, und in den letzten 20 Jahren ist mehr oder zumindest genauso viel passiert wie in den ersten 20 Jahren, also erzähle mir niemand, dass Nostalgie sich zu diesem Zeitpunkt lohnt. Eine Zeitlang war ich auch recht entschlossen, der illustren Gesellschaft meine unbarmherzige Analyse zu ersparen, dann überwog jedoch die Neugier und die nackte Angst, etwas zu verpassen. So hatte ich das Ereignis dann auch lange erfolgreich verdrängt, unterbrochen nur durch lästige E-Mails von Oliver Thiel, der personifizierten Zusammenführung zerbrochener Familien und verdrängter Freunde. Letzte Woche Montag war es dann aber soweit, dass die Zugfahrt und die Übernachtung bei den Eltern organisiert werden musste. Die sich anschließende, vielleicht typische Entwicklung einer Woche vor einem Abitreffen bestand aus folgenden Phasen:
Phase 1: Boasting - ich bin die allergrößte, mein Privatleben ist der Hammer, beruflich bin ich super erfolgreich, ich bin total zufrieden, ich habe sehr interessante Hobbies, selbstbewusstes Lächeln, gespieltes Interesse am Werdegang des Anderen, mitleidige gefakte Begeisterung (nein, Du bist beim Finanzamt, das ist ja großartig, wirklich großartig).
Phase 2: Understatement - die natürliche Reaktion auf so viel Angeberei ist die Intuition, dass das nur Leute machen, die es wirklich nötig haben. Also wird folgende Strategie entwickelt: so wenig wie möglich von sich erzählen, Beziehung - ja, Beruf - ja, Sachbearbeitung, Du weißt ja, vage Handbewegung, man entwickelt sich schon irgendwie und jeder geht seinen eigenen Weg.
Phase 3: Outfit - was soll ich anziehen? Lasse ich mich wirklich dazu herab, mir etwas neues für diesen Anlass zu kaufen? (Im Vertrauen, ich lasse nie eine Gelegenheit zum Einkaufen aus, wenn sich auch nur eine schwammige Gelegenheit andeutet. Natürlich habe ich etwas zum Anziehen gekauft.)
Phase 4: Verweigerung - das ist mir alles zu blöd, ich habe überhaupt keine Lust und werde nicht fahren.
Phase 5: Resignation und Laissez faire: läuft schon irgendwie.
Schlussendlich steht man schließlich in diesem Lokal, sieht sich um und erkennt niemanden. Ein Haufen völliger Fremder steht herum, umarmt sich, redet hektisch, stößt künstliche Freudenschreie aus - nein, du auch hier - sucht nach Anknüpfungspunkten und einem Gesprächsbeginn, der nicht stereotyp ist - und, was machst du jetzt? - während die Augen hin und her flackern, immer auf der Suche nach neuen alten Bekannten. Ich trolle mich zu den Leuten, die ich kenne, weil wir eben immer noch befreundet sind, und stelle aus diesem sicheren Hafen heraus kurzen Kontakt her zu leuten, die ich nicht mehr kenne, weil wir noch nie befreundet waren. Zu diesen Gelegenheiten stelle ich interessiert fest, dass manche Leute hinsichtlich der Strategienfindung entweder in Phase 1 oder spätestens in Phase 2 steckengeblieben sind, und darüber ist es kurios zu sehen, wie bei den ganzen Fremden der/die 19-jährige durchschimmert, der/dem man nach dem Ende des gemeinsamen Lebensweges ohne größeres Bedauern den Rücken zugekehrt hatte. Als wenn dieser Fremde, der vor einem steht und versichert, dass er alles richtig gemacht hat, nur eine Hülle für diesen kleinen, nicht totzukriegenden, Homunculus ist, der für immer und ewig im Jahr 1989 feststeckt. Das liegt natürlich daran, dass ich diese Homunculus suche und rufe, wie den Djinn aus der Lampe, aber ich bekomme eine Gänsehaut, als mir bewusst wird, dass alle anderen das bei mir auch tun. Das ist das Schlimme an Klassentreffen: das Jetzt zählt nicht, man wird in alle Ewigkeit auf die unfertige 19-jährige reduziert, die vor 20 Jahren Abitur gemacht hat.
Vielleicht die lustigste Bemerkung an diesem Abend, deren Komik ich aber erst später begriffen habe, so dass ich noch nicht mal beleidigt reagieren konnte: K (das bin ich), auch Du hast doch Deine Nische gefunden. Tja, so ist das wohl. Ich Nischenkind.
teildesganzen - 17. Mai, 17:24
Luxemburg, Liechtenstein, Schweiz, Österreich, Ouagadougou. Peer Steinbrück hat mal wieder mit näselndem Tonfall und norddeutscher Direktheit tief in den Topf mit dem Glitsch gegriffen, den er immer schlechter von seinen Händen abbekommt. Ich habe mich erst gefragt, ob Ouagadougou beleidigt ist, weil die Hauptstadt in einem Atemzug mit einem Schurkenstaat wie Luxemburg genannt wurde, aber tatsächlich ist Luxemburg jetzt beleidigt, weil es überhaupt genannt wurde. Die Schweiz hat ja schon lange ein Einreiseverbot für deutsche Finanzminister ausgesprochen, und sieht sich jetzt außerdem mit Fragen der schweizer
Identität konfrontiert, bzw. mit der Abgrenzung zur deutschen Mentalität, was sehr amüsant zu lesen ist. Liechtenstein hat die Nase voll von unrühmlicher Publicity und Österreich versteht die Welt nicht mehr.
Verstehen wir Herrn Steinbrück noch? Tatsächlich habe ich eine gute Meinung von Herrn Steinbrück, was mit meiner derzeitigen Tätigkeit zusammenhängt, obwohl er mir bzw. der Institution in der ich arbeite, in Bezug auf genau diese Tätigkeit oft einen Strich durch die dreimal überprüfte und mit schönen Worten angereicherte Rechnung macht. Zwar kann ich nicht wirklich beurteilen, ob das zukunftsperspektivisch alles Sinn macht, was Herr Steinbrück in den letzten 3,8 Jahren so propagiert und realisiert hat, und in Bezug auf die Abwrackprämie habe ich ernsthafte Zweifel, zumindest hat er aber ganz gut angepackt und malocht.
Und da ich mich für einen direkten Menschen halte, sind mir auch die Direktheiten von Anderen nicht unsymphatisch und sehr viel lieber als das Hintenrumtaktieren und Aufsglatteisführen manch anderer Zeitgenossen. Allerdings bin ich auch für ein gewisses Mindestmaß an Höflichkeiten und gegen das beliebige Assoziieren unschuldiger afrikanischer Hauptstädte mit der finanziellen Achse des Bösen. Und so langsam gräbt sich mein momantaner Finanzministerfavorit eine Grube, in die er ganz schnell ganz tief fallen kann und aus der ihm niemand wieder hinaushelfen wird. Ich sehe schon vor mir, wie sie alle am Rand der nämlichen Grube stehen und bedauernd nach unten schauen, wo der Peer mit Lehm auf der Brille und den Füßen im Wasser die Arme nach oben reckt. Ich muss jetzt leider zum Friseur, wird die Angela sagen, ich muss jetzt leider zum Obama, wird Frank-Walter sagen, und: das Sauerland ruft, wird der Franz murmeln. Und weg sind sie, und der Peer auch. Ich überlege ernsthaft, ob ich dem Peer mal eine E-Mail schreibe, in der ich meine fachliche Zuneigung bekunde und ihn bitte, doch einfach mal ein bisschen relaxter zu werden, damit wir auch in der nächsten Legislaturperiode noch viel Spass mit ihm haben können. Oder ahnt er schon, dass es dazu gar nicht mehr kommen wird und lässt jetzt einfach den ganzen Frust raus, bevor ihm keiner mehr zuhört?
teildesganzen - 8. Mai, 20:19
Das Loch in meinem grauen, dünnen Pulli mit den langen Ärmeln habe ich schon bemerkt, als ich ihm heute Morgen übergezogen habe. Das Loch ist oben an der Schulter und es schimmert ein Stückchen Haut durch, was man auf den ersten Blick für einen Flusen halten könnte. Aber ich habe mir gedacht, wird schon keiner merken, oder selbst wenn es jemand merkt, macht das nichts. Es ist eher lästig, den Pulli wieder auszuziehen und sich ein anderes Outfit zu überlegen, das möglichst zu der weiten schwarzen Hose passen sollte, die ich schon an hatte. Außerdem war ich wie jeden Morgen spät dran und ich hatte mir geschworen, wenigstens einmal in der Woche den frühen Zug zu kriegen. Also habe ich den Pulli angelassen und bin damit zur Arbeit gefahren. Auf der Arbeit kann ich mich gewöhnlich die meiste Zeit in meinem Einzelbüro verstecken, hin und wieder husche ich zur Toilette, die direkt gegenüber ist (eine eher unappetitliche Vorstellung, aber tatsächlich ist es gar nicht so schlimm), oder laufe, völlig überladen mit Teetasse, Espressotasse, Siebträger, Wasserkocherbehälter und manchmal auch der am Vortag benutzten Müslischale, quer über den Flur zur Miniküche. Heute hatten wir um 10 Uhr eine Besprechung. Auf dem Weg in den oberen Stock, während ich mit meinem Chef und einer Mitarbeiterin über den Flur laufe, beugt sich die Mitarbeiterin verschwörerisch zu mir hinauf (ich bin eine Ecke größer als sie) und flüstert: Du hast ein Loch im Pulli. Mein Chef sagt fröhlich und etwas lauter: Habe ich auch schon gesehen. Mein Gehirn läuft auf Hochtouren. Das habe ich erst vorhin gemerkt, lüge ich, und: Als ich meine Jacke ausgezogen habe, bin ich hängen geblieben. Ich zucke bekümmert mit den Schultern. Während der Besprechung glänze ich mit fachlich-pessimistischem Blick in die Runde und mehr oder weniger beiläufigen Bemerkungen, muss mir aber nichts mehr über meinen versehrten Pulli anhören, weil die Anwesenden eben doch alles Profis sind. In der Kantine sitze ich wie immer mit dem versprengten Haufen unserer Mittagsrunde zusammen, esse eine sehr knusprige Pizza Margaritha mit seltsam unverschmolzenen geraspelten Käsestückchen und lächle oder lache dem Anlass entsprechend. Manchmal strengt es mich ziemlich an, dieses ständige Lächelnlachen in der Kantine. Eigentlich bin ich kein geborener Lächler, eher der Grübler, Stirnrunzeltyp. Mein Freund sagt ständig zu mir: guck nicht so grieselig, auch wenn ich eigentlich der Meinung bin, einen durchaus entspannten und freundlichen Gesichtsausdruck in die Welt zu tragen. Jedenfalls, wenn ich die Schwelle meines Büros übertrete und die Tür hinter mir schließe, rutscht das Lächeln sofort von meinem Gesicht, und ich atme einmal tief und erleichtert durch. Aber gut, ich sitze vor den Resten der Pizza und die Kollegin mir gegenüber zeigt auf das besagte Loch im Pulli: Du hast ein Loch im Pulli. Mein Dauerlächeln strahlt um ein paar Lichteinheiten mehr. Ja, das ist mir leider heute Morgen passiert, als ich meine Jacke ausgezogen habe. Der Spruch kommt nun völlig souverän. Du kannst ja einen kleinen lustigen Aufnäher aufnähen, sagt besagte Kollegin. Es gibt Kolleginnen, es sind immer Frauen, die nicht in der Lage sind, eine Tatsache einfach so hinzunehmen. Sie stehen unter dem inneren Zwang, eine oder gar alternative Lösungsmöglichkeiten für Probleme anzubieten, die eigentlich keine Probleme sind. Der fatale Fehler in einer solchen Situation ist, wenn man sich darauf einlässt. Äh, ja, sage ich ratlos. Die Kollegin sieht mich aufmerksam an und fährt fort: das Loch ist doch gar nicht so groß, und so ein Aufnäher sieht doch bestimmt richtig süß aus. Dann kannst Du den Pulli noch mal wieder anziehen. Naja, meine ich unschlüssig und versuche es mit einem: wahrscheinlich muss ich den Pulli aber doch einfach wegwerfen, ich glaube, eine Reparatur lohnt sich nicht mehr. Glücklicherweise fällt einer anderen Kollegin ein, dass sie als Kind immer lustige kleine Aufnäher auf all ihren Sachen hatte und ich werde aus dem Focus das allgemeinen Interesses in die zweite Reihe verdrängt, wo es eh immer am schönsten ist.
teildesganzen - 5. Mai, 19:28