Jetzt, wo es sich so langsam dem Ende zuneigt (ich will mich endlich zu meiner MagA anmelden können!!!) schleicht sich diese Frage langsam ein. Auf einmal wieder Zeit haben, nach von der Arbeit nach hause kommen und nicht schon den Nachmittag und Abend mit Lesen und Schreiben verplant haben. Was fängt man mit den freien Stunden an? Muß ich etwa mein Sozialleben wieder auf Vordermann bringen? Gehe ich meinem Freund auf den Keks oder rufe ich jeden abend einen anderen meiner alten Freunde an, die leider zu weit weg wohnen, um sie besuchen zu können? Mache ich VHS-Kurse? Jetzt, oder sagen wir mal vor ein/zwei Monaten, hat mich die Vorstellung noch fasziniert, endlich fertig zu sein. Frei zu haben. Zeit zu haben. Aber obwohl ich zum Gammeln geboren bin, glaube ich, daß es auf die Dauer vielleicht langweilig werden könnte. Ernsthaft, ich bin niemand, der zu viel Zeit haben sollte. Zeit haben verleitet zum Grübeln und Grübeln macht depressiv. Wenn man dem Hirn nichts anbietet, dreht es sich um sich selbst, bis es die Balance verliert.
teildesganzen - 22. Feb, 20:39
Blink-Konzerte erlebt man inmitten von Papa-Roach-/ oder Slipknot-T-shirts, von Akne in unterschiedlicher Ausprägung und praktizierenden Anhängern des Jugendalkoholismus. Bevor das Konzert anfängt, noch während der nichtsagenden wir-klingen-wie-alle-und-machen-melodiösen-Funpunk-Vorband, fragt man sich, ob man für diesen Scheiß nicht eigentlich schon viel zu alt ist. Aber wenn dann gleich zu Beginn dumpweed in vierfacher Geschwindigkeit rausgehauen wird, wird das auf einmal ganz egal, weil man jetzt Spaß hat und die Nackenwirbel strapazieren kann. Egal auch die typischen Pubertäts-Sprüche, zu denen solche Bands wahrscheinlich vertraglich verpflichtet sind, und der irgendwie miese Sound in der Philipshalle. Die Jungs neben mir singen alles mit und schleudern glücklich ihre Zeigefinger nach vorne-oben und es ist ein bißchen wie im Fußballstadion. Die Sachen von der neuen CD laufen gut, daneben werden die Singles von enema of the state und der zweiten CD gespielt, alles, was entertainment bringt, ist da, außer adam´s song. Manchmal fragt man sich, wie das sein kann, daß die aktuelle CD so mehr weiterentwickelt klingt, als das bei blink augenscheinlich der Fall ist, aber vielleicht gehören blink 182 zu der band-species, deren Musik schneller erwachsen wird, als sie selbst (ein anderes Beispiel ist the cooper temple clause, deren CD „kick up the fire ...“ meine Lieblingsplatte des letzten Jahres war, weil sie so dicht ist, so ernsthaft und so gut, aber live sind sie fashion victims). Und die neue CD, die auch nur blink 182 heißt, ist tatsächlich schon eine Ecke entfernt von dem Kinder-Punk auf „enema“ (obwohl ich die CD ziemlich gerne gehört habe, vor allem beim autofahren), und das nicht nur, weil Robert Smith (!!!!) die vocals auf „All of this“ singt. Und wenn blink weiter Lieder wie „Stockholm Syndrome“ geben, können sie meinetwegen auch in der Pubertät bleiben.
teildesganzen - 18. Feb, 20:21
war doch schon von Anfang an klar. Seit wir Mitte/Ende der 80er MTV über Kabel gekriegt haben, waren die Videos da, Kurzfilme zur Musik, aber fast sofort auch viel mehr als das. Und plötzlich war auch Musik etwas ganz anderes, livestyle war natürlich schon immer damit verknüpft, aber nun war das drumherum der Musik sehr viel plastischer, konkreter und direkter geworden. Musik hören und erleben war nicht mehr nur private Phantasie, sondern durch die Visualisierung nun zum Teil öffentliche Vorstellung, in einem gewissen Sinne standardisiert. Aber das soll Videos nun nicht abwerten, dafür lieben wir sie doch viel zu sehr, vor allem auch deswegen, weil sie eben mehr sind, als Begleitvisualisierung. Mehr im Sinne von emergent, nicht selbständig neben der Musik, es ist selten, daß ein Video auch ohne die dazugehörige Musik bekannt wird. Trotzdem mag man manche Videos, auch wenn man mit der Musik eher nichts anfangen kann und Videos gehen als Darstellungsform über die Musik hinaus und sind dann doch etwas Eigenes, Faszinierendes, Witziges. In Düsseldorf, im NRW-Forum sind momentan 100 der einflussreichsten Arbeiten ausgestellt, und das hat schon was, wenn man in einen dunklen Raum kommt und in 30-40 symmetrisch angeordnete Bildschirme guckt, auf denen Videos flimmern - nicht nur Musikvideos, sondern auch Werbung und Kunst. Und man kennt fast alles (nach 1985) und freut sich, Sachen zu sehen, die man schon lange nicht mehr gesehen und fast wieder vergessen hat. Lustige Sache, das.
teildesganzen - 17. Feb, 08:40
Vielleicht sollte ich vorab eine Definition des Wortes „Schlaks“ geben: mit dem Begriff Schlaks werden alltagssprachlich Menschen bezeichnet, die äußerlich überdurchschnittlich groß sind, eher einen dünnen, im Extremfall knochigen, Eindruck erwecken, und mit langen Gliedmaßen ausgestattet sind, die aufgrund mangelnder Koordination leicht schlackern, daher eben „Schlaks“. Schlakse sind schlaksig, womit ihr zur-Welt-sein gemeint ist, das aus häufigem Dinge-fallenlassen, vor Türpfosten laufen und einer allgemeinen Motorik besteht, die von bösen Menschen manchmal als Bewegungslegasthenie abqualifiziert wird. Schlaks kann aber auch eine, sich aus der rein äußerlichen Konstition häufig entwickelnde, Lebenseinstellung bedeuten, eine Art „Schlaks-Sein“, was sich durch generelles Mißtrauen gegenüber jeder Art von Eleganzerforderniss auszeichnet, allgemeine Distanz zu sportlichen Freizeitbeschäftigungen beinhaltet und den Rückzug in rein geistige Gefilde erleichtert, ein Bereich, in dem man sich zumindest keine blauen Flecken holen kann.
Die Vorstellung, daß ein Mitglied der Spezies Schlaks qi gong praktiziert, mag vielleicht erstmal ein dummes Grinsen auf das Gesicht zaubern, aber gute VHS-Dozentinnen halten sich professionellerweise zurück und geben dafür am laufenden Band Tips, was die Sache etwas unentspannt macht. Entspannung sollte eines der Ziele von qi-gong-Übungen sein, aber gut, am Anfang ... . Vielleicht liegt es daran, daß ich auch noch nicht so richtig begriffen haben, worum es bei diesen Übungen eigentlich geht, wichtig scheint aber zu sein, daß man sich auf das konzentriert, was man tut, und dadurch wird mal als Nebeneffekt von seinem schlaks-sein abgelenkt. Also vielleicht qi gong gerade für Schlakse. Ich bin trotzdem froh, daß mich keiner von den feingliedrigen, schlanken und eleganten Chinesen sieht, die sich im Morgengrauen zu Tausenden in Pekings Straßen versammeln, um kollektiv die Wolken wegzuschieben und die Sonne über den Horizont zu heben. Schönen Gruß auch.
teildesganzen - 10. Feb, 21:28
Der Film bringt dieses nicht-zu-hause-fühlen-Gefühl ziemlich deutlich zum Ausdruck und darum ist es ein guter Film. Nicht nur der Aufenthalt im Hotel, der immer so ein Gefühl vermittelt, nicht nur diese fremde Stadt Tokyo, nicht nur die japanische Lebensweise, die einen unberührt läßt, vor allem Bob und Charlotte spiegeln es. Charlotte, indem sie ziellos durch die Stadt streift und beobachtet, nur passiv, nur gucken, versuchen, für irgendetwas ein Gefühl zu entwickeln, was aber nicht funktioniert. Charlotte steht irgendwo am Anfang und weiß nicht, wie sie ihr Leben nach hause bringen soll. Bob steht schon ziemlich weit hinten und merkt, daß sein Leben nicht zu hause ist, daß er ein Fremder in seiner Familie ist. Auch die Berufe der beiden korrespondieren damit: Charlotte hat Philosophie studiert und Philosophie ist paradigmatisch für immer nur suchen und niemals finden. Bob ist Schauspieler und Schauspieler spielen zu viele Rollen, so viele, daß sie nicht mehr wissen, wer sie selbst eigentlich sind. Beide laufen durch diese Bilder-Welt, die nicht viel anderes zu sein scheint, auch wenn es meist sehr ästhetische Bilder sind. Und manchmal ist dieser Schwebezustand nicht so schlimm, manchmal kann man ihn sogar abfeiern, mit dem Fremden spielen, zu dem man nicht gehört, indem man karaoke-Lieder gröhlt und Spaß dabei hat, seine eigene Fremdheit celebrieren, und mit rosa-weißer Perücke durch die Gegend laufen. Vielleicht ist das auch die beste Möglichkeit, vielleicht bleibt einem gar nicht viel anderes übrig, als sich damit zu arrangieren, daß man sich fremd ist, den Anderen und dem ganzen Leben. Vielleicht fühlt man sich für ein paar Tage nicht fremd, wenn man jemanden getroffen hat, dem es genauso geht. Und es bringt nichts, in den Flieger zu steigen, denn wo soll der einen hinbringen? Zu hause ist immer da, wo man man-selbst ist, und wenn man das gefunden hat, ist es gut.
teildesganzen - 8. Feb, 17:57