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Abitreffen - eine Analyse

Grundsätzlich war es mir egal, ob dieses Treffen sich materialisiert oder nicht. Das Abitur ist 20 Jahre vorbei, das ist ein halbes Leben, und in den letzten 20 Jahren ist mehr oder zumindest genauso viel passiert wie in den ersten 20 Jahren, also erzähle mir niemand, dass Nostalgie sich zu diesem Zeitpunkt lohnt. Eine Zeitlang war ich auch recht entschlossen, der illustren Gesellschaft meine unbarmherzige Analyse zu ersparen, dann überwog jedoch die Neugier und die nackte Angst, etwas zu verpassen. So hatte ich das Ereignis dann auch lange erfolgreich verdrängt, unterbrochen nur durch lästige E-Mails von Oliver Thiel, der personifizierten Zusammenführung zerbrochener Familien und verdrängter Freunde. Letzte Woche Montag war es dann aber soweit, dass die Zugfahrt und die Übernachtung bei den Eltern organisiert werden musste. Die sich anschließende, vielleicht typische Entwicklung einer Woche vor einem Abitreffen bestand aus folgenden Phasen:

Phase 1: Boasting - ich bin die allergrößte, mein Privatleben ist der Hammer, beruflich bin ich super erfolgreich, ich bin total zufrieden, ich habe sehr interessante Hobbies, selbstbewusstes Lächeln, gespieltes Interesse am Werdegang des Anderen, mitleidige gefakte Begeisterung (nein, Du bist beim Finanzamt, das ist ja großartig, wirklich großartig).
Phase 2: Understatement - die natürliche Reaktion auf so viel Angeberei ist die Intuition, dass das nur Leute machen, die es wirklich nötig haben. Also wird folgende Strategie entwickelt: so wenig wie möglich von sich erzählen, Beziehung - ja, Beruf - ja, Sachbearbeitung, Du weißt ja, vage Handbewegung, man entwickelt sich schon irgendwie und jeder geht seinen eigenen Weg.
Phase 3: Outfit - was soll ich anziehen? Lasse ich mich wirklich dazu herab, mir etwas neues für diesen Anlass zu kaufen? (Im Vertrauen, ich lasse nie eine Gelegenheit zum Einkaufen aus, wenn sich auch nur eine schwammige Gelegenheit andeutet. Natürlich habe ich etwas zum Anziehen gekauft.)
Phase 4: Verweigerung - das ist mir alles zu blöd, ich habe überhaupt keine Lust und werde nicht fahren.
Phase 5: Resignation und Laissez faire: läuft schon irgendwie.

Schlussendlich steht man schließlich in diesem Lokal, sieht sich um und erkennt niemanden. Ein Haufen völliger Fremder steht herum, umarmt sich, redet hektisch, stößt künstliche Freudenschreie aus - nein, du auch hier - sucht nach Anknüpfungspunkten und einem Gesprächsbeginn, der nicht stereotyp ist - und, was machst du jetzt? - während die Augen hin und her flackern, immer auf der Suche nach neuen alten Bekannten. Ich trolle mich zu den Leuten, die ich kenne, weil wir eben immer noch befreundet sind, und stelle aus diesem sicheren Hafen heraus kurzen Kontakt her zu leuten, die ich nicht mehr kenne, weil wir noch nie befreundet waren. Zu diesen Gelegenheiten stelle ich interessiert fest, dass manche Leute hinsichtlich der Strategienfindung entweder in Phase 1 oder spätestens in Phase 2 steckengeblieben sind, und darüber ist es kurios zu sehen, wie bei den ganzen Fremden der/die 19-jährige durchschimmert, der/dem man nach dem Ende des gemeinsamen Lebensweges ohne größeres Bedauern den Rücken zugekehrt hatte. Als wenn dieser Fremde, der vor einem steht und versichert, dass er alles richtig gemacht hat, nur eine Hülle für diesen kleinen, nicht totzukriegenden, Homunculus ist, der für immer und ewig im Jahr 1989 feststeckt. Das liegt natürlich daran, dass ich diese Homunculus suche und rufe, wie den Djinn aus der Lampe, aber ich bekomme eine Gänsehaut, als mir bewusst wird, dass alle anderen das bei mir auch tun. Das ist das Schlimme an Klassentreffen: das Jetzt zählt nicht, man wird in alle Ewigkeit auf die unfertige 19-jährige reduziert, die vor 20 Jahren Abitur gemacht hat.

Vielleicht die lustigste Bemerkung an diesem Abend, deren Komik ich aber erst später begriffen habe, so dass ich noch nicht mal beleidigt reagieren konnte: K (das bin ich), auch Du hast doch Deine Nische gefunden. Tja, so ist das wohl. Ich Nischenkind.

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