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Dienstag, 1. Februar 2005

World Cup Karten

Wir haben uns jetzt für drei Spiele um Karten beworben, und uns dafür datenmäßig nackig ausgezogen. Ich wollte noch ein polizeiliches Führungszeugnis faxen, aber das ist vielleicht übertrieben.

Samstag, 29. Januar 2005

verweigern

Mein letztes Hobby ist das Absagen von Terminen und Verabredungen. Es erfüllt mich mit Befriedigung, wenn ich etwas canceln kann. Eine Art der Verweigerungshaltung? Rückzug als Demonstration – von was? Ich bin nicht für euch da, also bin ich?

Freitag, 28. Januar 2005

RAF

Soll man über die RAF noch reden? Tatsache ist, dass es sich bei den Mitgliedern der RAF hauptsächlich um narzisstische Selbstdarsteller gehandelt hat, um Pseudo-Intellektuelle, um irrationale Schwätzer. Die Faszination, die man für solche Bewegungen empfindet, ist hauptsächlich durch den Aktionismus begründet, durch die kompromisslose, exzessive Pragmatik, durch ein Hintenanstellen von Verantwortung und echter Rechtfertigung, die irgendwie mit Bewunderung erfüllt. Zweitens ist auch die besagte Irrationalität faszinierend, weil man intuitiv glaubt: wenn man etwas nicht versteht, dann, weil es so komplex ist, so innovativ, so umfassend. Leider versteht man es meist nicht, weil da nichts zu verstehen ist, weil das Gedankengebäude eben keine substanziellen, rationale Inhalte hat. Der Aktivismus und die wahnwitzige pseudo-philosophische Begriffswelt wird mit einer Teleologie assoziiert, und allein der Schein eines Ziels macht solche Phänome interessant. Aber der Aktivismus ist blind und die Begriffe sind leer und das Ziel mündet in Destruktion.

Also, soll man über die RAF reden? Vielleicht nur, um darauf aufmerksam zu machen, wie schnell man einem Schein verfällt, wie leicht das immer wieder passieren kann. Von daher ist die Ausstellung in Berlin, die die künstlerische Aufarbeitung des Deutschen Herbstes darstellt, genau der richtige Ansatz: Kunst als Darstellung von Schein, als Schein der Schein entlarvt.

Montag, 24. Januar 2005

Monaden

Den ganzen Sonntag lang reden was man sich von der Zukunft erwartet, was geplant werden soll, für wie viele geplant werden soll, … . Eine Entscheidung muss getroffen werden. Ich weiß es selbst nicht, du musst dich entscheiden, sagt er, dann kann ich sehen, ob ich damit leben kann. Ich überlege hin und her, wäge ab, versuche psychologische Fallen zu vermeiden, griffige Formulierungen zu finden. Er sagt, dass ich mir einfach noch ein, zwei Tage Zeit lassen soll. Das hört sich nicht viel an, aber wir sind schon ewig zusammen, und treffen diese Entscheidung seit mehreren Jahren nicht. Aber in diesem Moment wird mir klar, was ich ehrlich antworten muss: wenn ich Kinder bekomme, dann nur wegen ihm. Wegen uns. Ich allein brauche kein Kind. Aber ich bin nicht allein.

In solchen Situationen wird immer klar, wie weit diese Welt von mir weg ist. Wie weit ich von dieser Welt weg bin. Wie gerne ich mich verweigere.

Am Freitag im Auto, auf der A1, im Stau, musste ich daran denken, dass wir als Menschen vielleicht relationale Wesen sind, aber als Ich sind wir Monaden, und Monaden haben keine Fenster, und dann wohl auch keine Tür. Wie nahe kann man sich kommen? Wie gut kann man sich verstehen? Auch wenn in der Philosophie der Gedanke der Öffentlichkeit von Überzeugungen ziemlich aktuell ist, ist der Solipsismus nicht ein Fakt? Werden die Ich´s nicht immer eingeschlossen in ihrer Welt sein, aus der kein direkter Weg nach außen führt?

Sonntag, 16. Januar 2005

Mr. Strange and Mr. Norrell

Das Thema des Buches ist der Umgang mit Wissenschaft und Erkenntnis – dargestellt an einem etwas ungewöhnlichen Bereich: der Magie. Die Handlung spielt in England, zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Magie ist ein Teil der Geschichte Englands, der allerdings nur noch in Mythen überlebt. Damals war England in einen Nord- und einen Südteil geteilt, während der Südteil von den bekannten historischen Königen regiert wurde, herrschte über den Nordteil ein Magier-König, John Uskglass, bis er plötzlich im 14.Jh. verschwandt. Seitdem wird England in Stellvertretung von einem gewöhnlichen König regiert und die noch existierenden Zauberer sind Historiker, Theoretiker.

Bis Mr. Norrel auftaucht, der von sich behauptet, praktischer Magier zu sein. Nach jahrelangem Studium in Zurückgezogenheit tritt er an die Öffentlichkeit, um England zu helfen, das sich im Krieg gegen Napoleon befindet. Magie soll in England restauriert werden, um dieses Ziel zu erreichen. Diese Restauration geschieht jedoch nach Mr. Norrels Bedingungen, der für sich beansprucht, der einzige praktische Magier zu sein: er beansprucht sämtliche Literatur über Magie für sich, er bestimmt die Regeln von Magie und er definiert schließlich, was Magie ist: ausschließlich menschliche, „englische Magie“. Damit trennt er die von ihm akzeptierte und praktizierte Art der Magie von ihrer Basis, die nicht-menschlich ist: Fairies haben die Magie zu den Menschen gebracht und von diesen Elfen hat der bedeutendste Magier Englands, John Uskglass die Magie erlernt. Norrell versucht durch dieses Chisma die Magie unter Kontrolle zu behalten, denn der Kontakt zu den Elfen birgt für die Menschen Gefahren: Elfen sind unchristlich, unenglisch, was letztendlich heißt, sie sind irrational. Sie haben andere Werte, verfolgen andere Ziele, ihr Verhalten ist nach menschlichen Termen nicht zu verstehen oder vorhersagbar.

Plötzlich erscheint ein weiterer praktischer Magier, Johnathan Strange. Dieser stellt sich als völlig gegensätzlich zu Mr. Norrell heraus, der ein vorsichtiges, gelehrtes Verhältnis zur Magie hat, findet in Strange einen abenteuerlustigen, waghalsigen, aber sehr talentierten Schüler. Er versucht Strange jedoch genauso unter Kontrolle zu halten, wie die Magie selbst. Er zeigt ihm nur ausgewählte Bücher, untersagt ihm jeden Zugang zu seiner Bibliothek. Die beiden entfernen sich voneinander. Strange folgt Wellington nach Spanien und unterstützt diesen durch Magie in seinem Feldzug gegen Bonaparte. Strange will jedoch mehr: er will die ganze Magie, die echte Magie, die Norrell so fürchtet. Um dies zu erreichen gleicht er sich den Elfen an: er versetzt sich in einen temporalen Wahnsinn, der deren Irrationalität entsprechen soll. Und er hat Erfolg.

Es tritt ein, was Norrel verhindern wollte. Der Kontakt zur Elfenwelt wurde seinerzeit von ihm selbst hergestellt, weil auch er ohne deren Hilfe nicht ausgekommen ist, um der Magie den Stellenwert zu geben, die sie in England haben sollte. Der zur Hilfe gerufene Elf verlangt seinen Preis für seine Tat und mischt sich weiter in die menschliche Welt ein. Unbeachtet von Norrell und Strange fühlt sich der Elf beeinträchtigt von neuen Magiern in der Menschenwelt und versucht, sie zu zerstören. Es kommt zum Eclat, als Strange seine Frau an den Elfen verliert, und versucht, sie zurückzuholen. Der Elf verbannt Strange in ewige Dunkelheit, die sich als ein schwarzer, zeitloser Turm darstellt, der Strange überall hin begleitet. In diesem Status gelingt es Strange, sein Zeil zu erreichen: er bringt die echte Magie zurück nach England, die Magie, der der gesamten Natur innewohnt.

Strange und Norrell gelingt es mit einer Hilfe, die sie beide nicht begreifen können, den Elfen zu zerstören, und das magische Gleichgewicht der Welten wieder herzustellen. Sie bleiben jedoch beide Gefangene des schwarzen Turms, der sich als ihr Elfenbeinturm herausstell. Tatsächlich sind beide nun zufrieden damit, von der Welt abgeschnitten, ungestört magische Forschung zu betreiben, Forschung um der Forschung willen.

Was beide nicht erfahren: sie sind beide Werkzeuge einer Prophezeiung John Uskglass, der mit ihrer Hilfe seinen Feind, den Elfen besiegen wollte. Sie sind Teil eines Ganzen, das beide nicht ekannt haben: Norrelle, weil er dieses Ganze letztlich fürchtet, Strange, weil er sich arrogant darüber hinwegsetzt. Sie sind Vertreter des typischen menschlichen Umgangs mit Wissen und Erkenntnis: sie betreiben Wissenschaft um eines praktischen Zweckes oder um der Abenteuerlust wegen, sie sind kurzsichtig, erfolgsorientiert und egoistisch, ohne zu versuchen, den eigenständigen Sinn dessen zu erfassen, das sie instrumentalisieren. (Also eingentlich ein Plädoyer für die Philosophie.) Was bleibt, letztendlich uneffektiv ist, aber wenigstens auch nicht schadet, ist der sprichwörtliche Elfenbeinturm.

Das Buch ist wunderbar, es hat diesen trockenen Humor, sehr englisch, und versucht auf eine sehr unterhaltsame Weise Fakt und Fiktion zu vermischen, indem historische Personen und Geschehnisse integriert werden, und indem auf einen Pseudo-wissenschaftlichen Hintergrund rekurriert wird, der duch viele Fußnoten in die Geschichte eingebracht wird.

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